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LebendigVor einiger Zeit wurde ich durch einen Blog http://beatrixrautenberg.de/2016/05/03/825/  von Bea Rautenberg angeregt, eine eigene sehr lebendige Geschichte aufzuschreiben.

Seitdem sind fast 18 Jahre vergangen, doch wenn ich die Augen schließe kann ich mich jederzeit sehr genau daran erinnern und all die Energie in dieser Geschichte macht mich noch heute wach, dankbar und freudvoll.

Im Herbst 1998 beschlossen drei meiner Pflegekinder und ich, Weihnachten in Griechenland in meinem damaligen Haus auf der Mani zu verbringen. Wir liebten das südliche entspannte Leben im Dorf, ganz in der Natur, viel im Meer, entspannt, warm, wohltuend und heilend. Wir waren ein eingespieltes Team mit der langen Anreise mit VW-Bus und Fähre von Ancona nach Patras, die Freude auf die kommende Zeit hat uns immer die lange Autofahrt gut überstehen lassen und Schifffahren war für uns alle toll. Also gut, nun wollten wir mal im Winter nach Griechenland und dort miteinander Weihnachten feiern. Wochenlang überlegten wir schon vorher, was wir mitnehmen wollen und wir einigten uns auf das volle Programm, das da hieß: Weihnachtsbaum, Krippe, Nürnberger Bratwürstchen mit Sauerkraut und natürlich viele Geschenke! Der Bus bietet viel Platz und es war einfach unser Ziel, ganz besonders schöne Weihnachten miteinander zu feiern. Freitag letzter Schultag, Samstag nach Ancona, Sonntag in Griechenland ankommen, Montag das Haus heizen und schmücken und am Dienstag dann Weihnachten feiern! So war unser Plan – und der war ja auch ziemlich gut. Unsere Freunde in Griechenland freuten sich schon auf uns und wir hatten schon viele Einladungen für die Weihnachtsferien.

Am Montag, also 5 Tage vor unserem Start, las ich in der SZ von einem Fährenstreik in Griechenland, er betraf allerdings nur die Inlandsfähren. Am Dienstag stand dann etwas in der Zeitung von Streik auch bei den Italien-Fähren. Naja, ich wusste ja, dass sich nach 1-2 Tagen alles wieder normalisiert. Am Mittwoch dann die Nachricht, dass der Streik beendet sei. Ich rief mal bei der Reederei in Frankfurt an und man teilte mir mit, dass bis Samstag alles wieder normal laufe, schließlich wollten v.a. alle LKW-Fahrer nach Hause kommen um Weihnachten zu feiern. Am Donnerstag hörte ich dann im Radio, dass die Fähren weiter bestreikt werden und es schon zu Tumulten in Patras gekommen sei. Also wieder in Frankfurt anrufen, doch ich wurde wiederum beruhigt. Freitag Vormittag nochmals anrufen und es wurde mir mitgeteilt, dass die Fähren nun wieder fahren könnten, der wilde Streik sei beendet. Nachmittags packten wir also unseren Bus einschließlich Weihnachtsbaum, putzten das Haus und bereiteten das Abendessen vor. Ich rief nochmals in Frankfurt an (sie kannten mich schon!!) und teilten mir dann mit, dass die Fähren NICHT fahren – kleine Boote versperrten die Hafenausfahrt in Patras und die Fähren konnten nicht auslaufen! Was waren wir alle enttäuscht, fünf Tage hin und her, doch wir waren uns ganz sicher, dass es schon klappen würde mit Weihnachten in Griechenland.

Nach der ersten Enttäuschung beschlossen wir, es uns auf den Sofas vor dem Fernseher bequem zu machen. Auto wollten wir erst am nächsten Tag wieder auspacken, wir waren ganz entspannt, denn alle Vorbereitungen waren getroffen und es taten sich drei freie Tage bis Weihnachten auf, ohne jede Hektik und Stress. So um 21.00 Uhr klingelte das Telefon – Frankfurt am Apparat! Die Fähren hatten sich aus dem Hafen „gekämpft“ und waren auf dem Weg nach Italien! Großer Jubel und ab in die Betten, um noch eine Runde zu schlafen. Ich sollte um 23.00 Uhr nochmals im Hafenbüro in Patras anrufen, was ich auch tat. Es meldete sich jemand auf deutsch und es wurde mir versichert, dass wir auf jeden Fall einen Platz auf der Fähre am Samstag um 17.00 Uhr haben . die Tickers hatte ich ja schon Monate zuvor gebucht. Es wurde mir noch empfohlen, am besten gleich loszufahren, da die Zustände im Hafen von Ancona chaotisch und gefährlich (?) seien. Ich gönnte mir dann noch zwei Stunden Schlaf und dann brachen wir mitten in der Nacht auf. Drei schlafende Kinder, ein Auto voller Weihnachtsequipment und ich, die ich nicht gerne nachts Auto fahre. Schöne Musik und zwischendurch immer wieder Meldungen des Wetterberichts, die vor einem Wintereinbruch in den Alpen warnten. Wir hatten Glück, wir kamen noch wohlbehalten über den Brenner, hinter uns Schneechaos, in Sterzing die ersten Capu-Pause und so fuhr ich durch die Nacht – trotz allem gut drauf, irgendwie eingehüllt und zwischendurch immer wieder eine Capu-Pause.

In Ancona erwarteten uns mehr als chaotische Verhältnisse, schon auf der Autobahn kilometerlange LKW-Staus. Der Hafen überfüllt mit LKWs und grimmig aussehenden Fahrern. Italienisches Militär mit aufgeschulterten Gewehren, aggressive Stimmung,  Cafes, Pizzerien und Toiletten geschlossen. Und wir mitten drin mit unserer aufgeräumten Weihnachtsstimmung. Rein ins Hafengebäude, Einchecken, freundliche Mitarbeiter, mit denen ich am Spätabend zuvor telefoniert hatte. Und dann die Anweisung auf keinen Fall den Hafen zu verlassen. Stundenlanges Warten im Auto, Cassetten hören, Reste essen, an die Hafenmauer pinkeln, nach den Fähren Ausschau halten, Stunde um Stunde. „Ein Schiff wird kommen!“ Endlich dann um 21.00 Uhr bog die erste Fähre in den Hafen (es war unsere!!) und dann im Konvoi alle anderen, die sich vor 24 Stunden auf den Weg gemacht hatten. Und dann brach wirklich das Chaos aus, alle starteten ihre LKWs und wollten die Fähren stürmen. Das Militär schoss in die Luft, die Situation war echt brenzlig. Es dauerte schier endlos, bis unsere Fähre abgeladen war und irgendwann war ich so entnervt, dass ich einfach nur noch hupend durch die Gasse fuhr und die Fähre „enterte“. Es war mir alles egal, einfach nur noch schlafen……. Die Kinder hatten sich gut gehalten, aber es war natürlich sehr aufregend und anstrengend. Irgendwann in der Nacht hat dann die Fähre abgelegt und wir waren unterwegs Richtung Griechenland, dem Land unserer großen Vorfreude!

Am nächsten Tag, also Sonntag, kamen wir spät abends in Patras an und es war dann nachts um zwei, bis wir endlich den Hafen von Patras verlassen konnten. Vor uns lagen nun noch vier Stunden Autofahrt bis zum Ziel, doch ich wollte nicht nachts in Griechenland Autofahren. Also einfach mal losfahren und nach einem Plätzchen Ausschau halten. Wir waren fasziniert – Griechenland war weihnachtlich blinkend erleuchtet! Fast in jedem Olivenbaum eine Lichterkette, so viel Kitsch und Überraschung. So ganz anders als wir es uns vorgestellt hatten. Irgendwann schliefen die Kinder ein und ich war wach! Nach einer Stunde war Pirgos erreicht und ich fuhr durch das Städtchen. Menschenleer und im Tiefschlaf. Nur im Kiosk brannte Licht und er hatte geöffnet – nachts um drei im Winter! Darin eine Griechin, die mir in größter Selbstverständlichkeit zwei Flaschen Cola verkaufte! Die Weiterfahrt war gerettet. Also weiter bis zur nächsten Etappe Kalamata. Dort wollte ich dann wirklich eine Runde am Strand schlafen. Um fünf Uhr morgens hielt ich vor der Eisdiele in Kalamata, die wir so gut vom Sommer kannten, wegen des leckeren Eises und sauberer Toiletten. Vor dem Eingang hingen viele junge Griechen in den Stühlen und schliefen tief und fest – ebenso wie die Kinder im Auto. Ich durch alle hindurch, eine Runde pieseln und dann weiter. Es war seltsam, ich wurde immer wacher und das lag nicht an der Cola! Ich wusste, dass es nun nur noch eine Stunde bis zum Ziel dauert und wollte es wagen. Zwischen Kalamata und Isna begegnete uns kein einziges Auto. Es war eine klare mondhelle Nacht – Vollmond. Links von uns das Taygetos-Gebirge mit einem schneeglitzernden Gipfel, rechts von uns das mondhell schimmernde Meer. Und dazwischen wir – drei ruhig atmende Kinder in einem Weihnachtsbus – es war mehr als magisch. Morgens um sechs dann Ankunft bei Freunden, die uns schon am Abend vorher erwartet hatten. Alle schliefen, ich trug die Kinder ins Haus zum Weiterschlafen und wollte mich eigentlich auch hinlegen, doch von Müdigkeit keine Spur. Also zum Sonnenaufgang ans Meer, ganz alleine am winterlichen Strand. Nichts von Trubel und Sommerleben, einfach nur still und leise und unberührt.

Irgendwann trieb mich dann der Hunger und Lust auf Kaffee zurück zu unseren Freunden, doch alle schliefen noch. Also machte ich eben mal Frühstück für alle und war einfach nur glücklich. Nichts von Übermüdung oder Stress, keine Anspannung, einfach nur große Wachheit und Freude. Irgendwann dann ein Erwachen und fröhliches Wiedersehen, Dankbarkeit für die gut überstandene Reise. Mittags schaute dann ein anderer Freund vorbei und sagte zu mir: „Was ist denn mit dir los, du schaust so gut aus, kommst du aus dem Urlaub?“ Noch heute erinnere ich mich sehr genau an diese Lebendigkeit in mir und kann mich damit auch jederzeit verbinden. Lebendigkeit – Leben!