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Nell

Sabine Malbrich habe ich im Juni 2015 kennengelernt, nachdem ich zuvor im Garmischer Kreisboten auf sie aufmerksam geworden worden war. Dort stellte sie sich und ihr neu gegründetes Trauerhaus vor. Ich fand es mehr als ungewöhnlich, dass eine Frau sich selbst und ihr Unternehmen im Rahmen einer Annonce vorstellt. Es war kein Bericht über sie, sondern sie selbst zeigte sich mit ihrem neuen Angebot. Ein Trauerhaus in Garmisch! Um genau zu sein – Das Trauerhaus!

Diese Frau wollte ich unbedingt kennen lernen. Schon das erste Telefonat mit ihr zur Terminvereinbarung war unkompliziert und erfrischend und es ergab sich schnell ein gemeinsamer Termin mit zwei sozialen Initiativen im Landkreis Garmisch-Partenkirchen.

Ich erinnere mich noch gut an unsere erste Begegnung, es war ein heißer Sommertag. Wir wurden überaus freundlich empfangen und erhielten als erstes eine Führung durch das frisch renovierte Haus und den Garten. Alles war in den letzten Monaten ganz und gar nach den Vorstellungen von Sabine umgebaut worden. Ein großer lichter Veranstaltungsraum für Trauerfeiern, individuelle Abschiedsräume, ein neu angelegter Garten. Dort wurde gerade der frisch angesäte Rasen vom guten Mann für alles (wie ist eigentlich die männliche Form von Fee?) zum ersten Mal gemäht, kleine verwunschene Sitzecken, Wasserplätschern.

Drinnen saßen wir dann und Sabine erzählte uns sprühend und mit leuchtenden Augen über ihre Vorhaben und wie sie dahin gekommen war und aus dem Traum Wirklichkeit wurde, auf den sie 20 Jahre gewartet hatte.

„Ich liebe mein jetziges Leben, das Programm wurde neu gestartet“

In ihrem „früheren alten“ Leben war Sabine eine alleinerziehende erfolgreiche Auslands-Vertrieblerin, hatte zuvor BWL studiert. Sie lebte in einem abbezahlten Haus, hatte einen sehr gut bezahlten Job und mit den Kindern lief auch alles gut. Hätte doch so weitergehen können – ein neuer Lebenspartner machte das Glück vollkommen.

Doch in ihr gab es „da etwas“ das ihr sagte, dass sie mit 50 noch einmal etwas ganz anderes machen möchte. Sie hatte keine Idee, was das sein könnte, ihre Familie, Freundinnen und Freunde waren eher skeptisch. Sie hatte es doch gut und konnte ihr Leben eigentlich genießen.

In dieser Zeit war sie immer mehr auf Beerdigungen und jede war ein Alptraum für sie. Vieles kam ihr in Bezug auf die Verstorbenen und Angehörigen unwürdig vor. Die Bestatter haben in der Regel keine Ausbildung in der Trauerbegleitung und sie erkannte dies als große Lücke.

Wie wäre denn diese Lücke zu füllen? Das trieb Sabine um und aus dem was sie selbst und andere erlebten, reifte in ihr die Idee eines Trauerhauses, in dem es menschliche Begleitung gibt, um die Trauer abzupuffern, in dem Verabschiedungen so lange stattfinden können wie nötig und es eine Trauerhalle gibt, in der individuelle Trauerfeiern stattfinden können. So die Idee – geboren und entwickelt aus den tiefen Bedürfnissen trauernder Menschen. Bestehende Angebote um das ergänzen was fehlt und neu kombinieren.

Während dieses Reifungsprozesses absolvierte sie als ersten Schritt eine Ausbildung zur Trauerbegleiterin und die Idee ihres Trauerhauses reifte weiter und wurde konkreter.

Es gab Vorbilder in München und anderswo, doch sie wollte Menschen, die einen lieben Angehörigen verloren haben, noch individueller und persönlicher begleiten UND sie wollte das Tabuthema Tod/Sterben ins Leben holen und „normal“ machen.

„Im Thema Tod gibt es NUR Restriktionen und Regeln, am Ende deines Lebens hast du nur Regeln, dass passt nicht zu unserem heutigen selbstbestimmten Leben. Die Trauerfeier soll ein Fest der Freude sein. Das Lebens feiern welches sie gemeinsam hatten und Trost spenden.

Trauernde sind in der Situation eines Todesfalles meistens hilflos und schutzlos. Ich beschütze und begleite sie, es geht nicht nur ums Geschäfte machen und Verkaufen,“

Sie selbst lebte schon immer sehr selbstbestimmt und so hat sie auch ihre Kinder erzogen.

Und so wollte sie es trauernden Menschen ermöglichen, in größtmöglicher Selbstbestimmtheit und eigenem Tempo von ihren Liebsten Abschied zu nehmen, zu trauern und dass schlimme Geschehen zu begreifen. Und ihnen darüber hinaus die Freude aufs Leben mitgeben.

Aus dem was sie vorher auf Beerdigungen vermisst hatte, entwickelte sie individuelle und ganz persönliche Abschiedsfeiern.

  • Entwickeln lassen
  • Abschiedsräume
  • großer Veranstaltungsraum
  • Garten
  • Plätschern und Fließen
  • immer wichtiger: ganz persönliche Bilder des Lebens
  • Power Point Präsentation, alle Beteiligten schicken Bilder
  • dazu Lieblingsmusik des Verstorbenen, dabei wird NICHT gesprochen
  • darin ist so viel Trost
  • entwickelt sich weiter mit uns und in den Familien
  • flexibel sein, sich weiterentwickeln

Mehrere Jahre suchte sie nach einer geeigneten Location, in der alle Angebote unter einem Dach stattfinden können. Und dann irgendwann tauchte die Immobilie in Garmisch-Partenkirchen auf. Da wollte sie nun wirklich nicht hin, zu konservativ und damit zu wenig Kundschaft. Dachte sie zuerst. Doch es war einfach das perfekte Haus und so entschied sie sich, das große Anwesen zu kaufen. Sie gab für ihr eigenes Unternehmen alle Sicherheiten auf, verkaufte ihr abbezahltes Wohnhaus und kündigte ihren gut bezahlten Job.

Mit Businessplänen kannte sie sich aus, sie brannte und brennt für ihre Idee, verhandelte mit Bankern (die sehr skeptisch waren) und Handwerkern und Behörden. Und trotz aller Widerstände im Innen und Außen, Zeitverzögerungen während der Umbauphase usw., eröffnete sie im März 2015

Das Trauerhaus in Garmisch-Partenkirchen.

Für Sabine gehört der Tod zum Leben, die Normalität von Geburt und Sterben. Der ewige Kreislauf.

„Wenn ich es schaffe, den Leuten die Angst vor dem Tod zu nehmen, wenn die Angehörigen ganz gelassen runtergehen zu dem Verstorbenen und ihn anfassen und berühren, dann ist das meine größte Freude.“

Im Trauerhaus können die Angehörigen tagelang Abschied nehmen und die Lieder des Verstorbenen spielen. So lange, bis es gut ist und sie das schlimme Geschehen begreifen können. Das Trauerhaus verbindet die gute alte Tradition der Totenwache mit modernen Komponenten von Bestattungskultur im 21. Jahrhundert.

Sabine gibt ihnen die Freiheit für ihren eigenen individuellen Weg des Abschieds und in der Gestaltung der Trauerfeier.

Sie und ihr inzwischen gewachsenes Team sind für die Menschen in einer traumatischen Situation da, in der sie ihr Liebstes verloren haben.

Mit ihrem Angebot hat sie den Nerv der Zeit getroffen, sie ist mit ihrem Trauerhaus zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Zu ihr kann jede und jeder kommen, für alle steht ihr Trauerhaus offen und mit jedem Trauerfall entstehen neue Erfahrungen und daraus resultierend neue Angebote.

„Was jeder braucht darf in der schlimmen Situation der Trauer gelebt werden“ so Sabine.

Sie sieht sich als Werkzeug, stellt sich und ihr Trauerhaus mit der ganzen Struktur und all ihrer Liebe zur Verfügung. Sie findet es selbst spannend zu beobachten mit was es sich füllt. Und es füllt sich ganz besonders auch mit Menschen, von denen sie nie gedacht hätte, dass diese etwas anderes, neues möchten. Jenseits des bisherigen und gewohnten.

Sabine hat die große Gabe die Dinge kommen zu lassen und dabei ruhig und entspannt zu bleiben.

Heute freut sich Sabine, dass sie wirklich den Mut hatte es zu tun. Dass sie das macht was sie schon immer tun wollte. Sie wollte selbst nicht sterben ohne „es“ getan zu haben. Sie hat einfach angefangen und lebt nun Tag für Tag in die Antwort hinein.

Ihre erwachsenen Kinder, die sie als Alleinerziehende groß gezogen hat, und Freunde laufen durchs Haus und sagen: „Cool dass du es gemacht hast!“

Ihre Nachbarn fragen sie immer wieder, was sie mache, welche „Hexerei“ sie betreibe: „Die Leute gehen traurig rein und kommen froh und heiter wieder raus!“

Genau das ist ihre Motivation: Sie möchte dass die Trauernden sich wieder dem Leben zuwenden, dann ist sie glücklich, dann sind sie zusammen glücklich.

Das Trauerhaus: „Obwohl es ein totes Thema ist, lebt es. Und wie! Wir sind höchst lebendig! Es ist mit Leben, Freude, positiver Energie durchflutet!“

Sabine, liebe Nell, schöner kann man oder frau es nicht sagen! Danke dass du den Mut hattest und es getan hast. Danke für deine Liebe und deine Freude!

http://www.das-trauerhaus.de/