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Grau war es gestern, grau, feucht, kalt, neblig. Eigentlich ein Tag für Sofa und Tee. Habe mich dann doch aufgemacht zum Mohnblumenfeld auf dem Königsplatz. Bin schon vorgestern im Dunkeln über den Platz gefahren und sah rechts und links nur einen roten Schimmer, das wollte ich mir denn doch auch bei Tag anschauen.

Der Königsplatz in München, griechische Säulen und Museen mit antiker Kunst. Aufmarschplatz im sog. Dritten Reich. Rumpelnder Verkehr auf dem nassen Kopfsteinpflaster. Viel Gas geben und runter bremsen. Hektisch, aggressiv.

Und auf dem Rasen rechts und links der Straße – tanzende Mohnblumen. Eine Kunstinstallation vom Aktionskünstler Walter Kuhn zum Gedenken an das Ende des Ersten Weltkrieges vor 100 Jahren.

Mich berühren die Mohnblumen aus Seide. Sind ganz offen, aufgeblüht und zeigen im Innersten ihre dunkle Seite. Schatten der Vergangenheit, Angst, Dunkelheit. Auf diesem geschichtsträchtigen Platz öffnen sich die Herzen vieler Menschen, ich kann das beobachten. Never again – nie wieder Krieg. So ein großer Wunsch nach Frieden, so eine Sehnsucht nach einem neuen Wir. Und gleichzeitig wissend, dass es in jeder und jedem von uns auch diese dunkle Seite mit all ihren Gefühlen gibt. Dunkelheit bis hin zur Depression.

Die Mohnblumen bewegen sich leicht und tänzelnd im Wind, Kinder tanzen um sie herum, spielerisch und juchzend. Ich merke, dass es jetzt hier an dieser Stelle eine Entscheidung von mir braucht. Gebe ich mich den Schrecken hin oder entscheide ich mich bewusst für die Freude. Selten war mir das so klar wie in diesem Moment.

UND jeder Moment verlangt uns eine bewusste Entscheidung ab, jeder Gedanke, jedes Gefühl. Führe ich mit Gedanken, Worten und Werken Krieg gegen mich selbst und andere ODER bemerke ich diesen Vorgang UND entscheide mich für das, was ich wirklich will?

Mir ist es dann nach einem Capu und so begebe ich mich ins Cafe Ella im nahen Lenbachhaus. Rappelvoll, italienische Musik. Nebenan die Bilder von Gabriele Münter und Wassily Kandinsky. Die Kunst des Blauen Reiters, die ganz neue Wege des Sehens und Verstehens aufzeigte. Verfemt und verfolgt. Heute ein Publikumsrenner. Sitze in dem Gewühle und nehme einfach wahr, wie sich an diesem einen Punkt im Herzen der Stadt alle Energien treffen, vermischen, durchdringen. Und so wie es im Außen wurrlt so ist es oftmals auch in mir. Bis ich es bemerke und wieder Ruhe und Freude in das Durcheinander bringe.

Vertreibe mir die Zeit bis zum abendlichen Konzert mit Lesen. „Wer wir sein könnten“ von Robert Habeck. Darum geht es wohl. Wenn so viele wissen, was sie nicht wollen, never again, dann ist es doch jetzt an der Zeit, am besten gemeinsam darüber nachzudenken wer wir sein könnten. Als einzelnes Wesen und als Gemeinschaft. Was WIR wollen.

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Später in der Himmelfahrtskirche gibt es schon eine Antwort. Eine evangelische Kirche mitten in Sendling, hell und licht und kreisförmiger Bestuhlung. Nirgends hängt ein toter Jesus herum, ich bin beeindruckt. Im Ostchor die Orgel, Ausrichtung auf Musik und Zimbelstern, hell klingende Freude. Oh wie schön!

Und dann eine wunderbare Aufführung der Friedensmesse von Karl Jenkins. Im Kreis sitzen und sich von einer Idee, Vision des Friedens berühren, anklingen lassen.

Hätte am Morgen wirklich nicht gedacht, dass so ein grauer nebliger Novembersonntag so schön und heiter und erhellend sein kann.

Licht im Dunkel.

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